Delgardo
schloss die Wohnwagentür hinter sich. Drinnen war die Luft stickig und
verbraucht, trotz der aufsteigenden Kälte. Er setzte sich an den kleinen Tisch
neben der Kochnische und goß sich ein Glas Grappa ein. Dann nahm er die Papiere
zur Hand, die ordentlich gestapelt an der Seite lagen. Rechnungen, die bezahlt
werden mussten. Dokumente vom Veterinäramt, Versicherungspolicen. Wie oft hatte
er überlegt, ob er die Lebensversicherung aufkündigen sollte. Mit dem Geld
könnten sie einen ganzen Winter überleben. Aber was käme dann? Er schob die
Papiere zur Seite und drehte das Glas zwischen seinen Händen. „Deine
Wermutstropfen“ hatte Maria sein abendliches Glas Grappa immer genannt. Dabei
mochte er keinen Wermut. Dass sie „Wehmut“ gemeint hatte, war ihm erst klar
geworden, als sie ihn längst verlassen hatte. „Du hast keine Zukunft,
Marcello“, hatte sie geklagt. „weil du keine Zukunft haben willst.“
aus: Noah. Kurzgeschichte. März 2013
Dienstag, 9. April 2013
Montag, 8. April 2013
Frauenend: Briefklappen und andere Geheimnisse
Maurer war sichtlich zufrieden. Kauend stand er
am Tresen und betrachtete sein Werk. Drei Briefklappen, nebeneinander
angebracht. Er hatte viel Mühe darauf verwandt, sie so anzuordnen, dass die
unterschiedliche Größe der Klappen das Gesamtbild nicht beeinträchtigten würde.
Die Öffnung für große Geheimnisse erinnerte entfernt an eine Katzenklappe,
wobei Katzen dieser Größenordnung wohl eher in Wildparks anzutreffen wären. Er
hatte sie mittig eingepasst. Die mittlere Klappe, durch die bequem ein
Ziegelstein passte, steckte von innen gesehen rechts daneben, während die briefschlitzdicke
für die kleinen Geheimnisse links daneben angebracht war. Die oberen Abschlüsse
bildeten eine penibel waagerecht ausgerichtete Linie. Der Edelstahlrahmen, der
das gesamte Ensemble von außen sichtbar zusammenhielt, verlieh ihm zuätzliche
Seriosität. Maurer konnte wirklich stolz sein auf seine Arbeit. Die zugemauerte
Tür mit den einladenden Briefklappen sah genauso aus, wie ich sie mir gewünscht
hatte. Mit dem Schild des Graveurs würde sie perfekt sein. Ich beobachtete
Maurer durch das Schulstraßenfenster und fragte mich, was wohl in seinem Kopf
vorging.
“Ich hoffe, sie versprechen sich nicht zuviel
davon”, sagte er, als ich mit meinem Karton voller Einkäufe durch die Hintertür
wankte.
“Nicht weniger als eine Welt”, antwortete ich.
“Eine Welt?”
“Ja, eine Welt. Selbstverwirklichung war früher.
Jetzt gilt es, eine Welt zu verwirklichen.”
“Eine Welt? In Frauenend?”
Er bedachte mich mit einem
“Sind-Sie-sich-im-Klaren-wo-Sie-hier-gelandet-sind”-Blick und stellte das Kauen
ein.
Auf dem Tresen lag wieder eine aufgerissene
Gebäcktüte, darauf eine Zimtschnecke. Maurer musste entweder über eine
nahegelegene Quelle oder einen Nachschublieferanten verfügen. Oder er
hatte mir seine Lieblingsstücke vorenthalten beim ersten gemeinsamen Frühstück.
Oder aber er wusste mehr über mich als mir lieb sein konnte. Hätte ich es
gewusst – Zimtschnecken wären ganz oben auf der Liste der Dinge gewesen, die
ich in verlorenen zwölf Jahren vermisst hätte. Bevor ich fragen konnte,
registrierte er meinen Blick. “Die ist für Sie”, erklärte er.
Ich versuchte es mit gespielter Unbekümmertheit:
“Wie kommt’s?”
“Zimt ist was für Mädchen.”
Sonntag, 7. April 2013
Ein Ort für Frauenend & Co.
"Heimat ist immer irgendwo. Die Oberfläche verändert sich, im Kern ist es das Gleiche: Verweilen, atmen, arbeiten, Spuren hinterlassen. Vielleicht auch lieben. Das kann man an jedem Ort der Welt."
Dienstag, 2. April 2013
Montag, 1. April 2013
Spontane Wortgeburten XI
Ostern, m.
Der Ostern ist der natürliche Fressfeind des Weihnachtssterns, weshalb sich jener in den kalten Dezember zurückgezogen hat, wo er auf Fensterbänken und in Geschäftsauslagen ein kümmerliches Dasein fristet.
Der Ostern indes ist kälteresistent, auch wenn er zu den Frühblühern zu zählen ist. Er überlebt aber in freier Natur nur jeweils vier Tage.
Da er eine Rudelpflanze ist, hält er sich gerne in der Nähe von Hasen, Kaninchen und Hühnern auf. Seine Eier werden von allerlei Getier, darunter auch zweibeinige Säugetiere, aufgeklaubt, verspeist und somit weiterverbreitet.
Die Tragezeit beträgt bis zu 399 Tage, da der Ostern grundsätzlich erst nach dem ersten Frühjahrsvollmond das Licht der Welt erblickt. Er orientiert sich dabei an der aufgehenden Sonne im Osten (sic!), sondert sich aber generell vom etwas unbeweglicheren --> orthodoxen Ostern ab.
Der Ostern ist der natürliche Fressfeind des Weihnachtssterns, weshalb sich jener in den kalten Dezember zurückgezogen hat, wo er auf Fensterbänken und in Geschäftsauslagen ein kümmerliches Dasein fristet.
Der Ostern indes ist kälteresistent, auch wenn er zu den Frühblühern zu zählen ist. Er überlebt aber in freier Natur nur jeweils vier Tage.
Da er eine Rudelpflanze ist, hält er sich gerne in der Nähe von Hasen, Kaninchen und Hühnern auf. Seine Eier werden von allerlei Getier, darunter auch zweibeinige Säugetiere, aufgeklaubt, verspeist und somit weiterverbreitet.
Die Tragezeit beträgt bis zu 399 Tage, da der Ostern grundsätzlich erst nach dem ersten Frühjahrsvollmond das Licht der Welt erblickt. Er orientiert sich dabei an der aufgehenden Sonne im Osten (sic!), sondert sich aber generell vom etwas unbeweglicheren --> orthodoxen Ostern ab.
Sonntag, 31. März 2013
Frisch vom Weibtisch
Demnächst auch in diesem Theater:
alles frisch vom Weibtisch!
- Spontane Wortgeburten
- Letzte Funde
- Neues aus "Frauenend"
- Häppchen aus "Schlachtplatte"
- Sie-Poe
- Bilder- und Wortfetzen
- Links & wo's sonst noch lang geht
alles frisch vom Weibtisch!
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